Was ist Mikrostromtherapie? Einfach erklärt
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Irgendjemand hat dir Mikrostrom empfohlen. Die Kosmetikerin vielleicht, oder der Physiotherapeut, oder es war eine Anzeige für ein Gerät, das aussieht wie ein Rasierer.
Du liest nach, und klarer wird es nicht. Auf der einen Seite Praxen, die von Rückenschmerzen und Wundheilung schreiben. Auf der anderen Seite Beautygeräte für zu Hause. Beides heißt Mikrostrom.
Und überall steht, dass man nichts davon spürt.
Mikrostrom ist keine Geräteklasse und kein Behandlungsraum. Mikrostrom ist eine Zahl.
Was Mikrostromtherapie eigentlich ist
Diese Frage bekomme ich seit Jahren gestellt, und fast immer stecken zwei ziemlich verschiedene Behandlungen dahinter, die denselben Namen tragen.
Der Name kommt von der Stromstärke. Ein Mikroampere ist ein Millionstel Ampere, und therapeutischer Mikrostrom bewegt sich je nach Quelle zwischen 50 und 1.000 Mikroampere. Das ist so wenig, dass es unter der Schwelle bleibt, ab der ein Nerv überhaupt reagiert.
In der Fachsprache begegnen dir dafür zwei Kürzel. MENS meint die Anwendung bei Schmerzen, MCR die Anwendung an geschädigtem Gewebe. Der Strom ist in beiden Fällen derselbe.
Warum du nichts spürst, und warum das so gewollt ist
Strom in der Therapie kennst du vermutlich als Reizstrom. Es kribbelt, es zieht, der Muskel zuckt. Genau dieses Gefühl ist bei Mikrostrom nicht vorgesehen.
Ein Nerv schaltet erst um, wenn der Reiz kräftig genug ist. Bleibt der Strom darunter, passiert an Nerv und Muskel nichts, und trotzdem fließt er durch das Gewebe. Auf diesem Zustand ist die ganze Methode aufgebaut.
Das führt regelmäßig zu Enttäuschung. Wer ein Kribbeln erwartet und keines bekommt, hält das Gerät für kaputt und dreht auf. Ab etwa einem Milliampere ist es aber kein Mikrostrom mehr, sondern eine andere Behandlung mit anderen Zielen.
TENS, EMS und Mikrostrom sind drei verschiedene Dinge
Die drei werden ständig verwechselt, dabei trennt sie ein Faktor von etwa tausend. In der Elektrotherapie, also der Behandlung mit elektrischem Strom, entscheidet die Stromstärke darüber, woran ein Gerät überhaupt arbeitet.
| Verfahren | Stromstärke | Arbeitet an | Du spürst |
|---|---|---|---|
| TENS | etwa 10 bis 80 mA | gefühlsleitenden Nerven | deutliches Kribbeln |
| EMS | etwa 20 bis 120 mA | Bewegungsnerven | sichtbares Muskelzucken |
| Mikrostrom | etwa 0,05 bis 1 mA | Stoffwechsel im Gewebe | in der Regel nichts |
TENS dämpft die Weiterleitung von Schmerzsignalen. EMS bringt Muskeln zum Arbeiten. Mikrostrom tut weder das eine noch das andere.
Wenn du bei einer Anwendung etwas spürst, arbeitet das Gerät in diesem Moment also nicht mit Mikrostrom. Das ist kein Urteil über die Qualität. Es ist nur eine andere Behandlung, als der Name vermuten lässt.
Was der Strom im Gewebe machen soll
Zellen bezahlen ihre Arbeit mit einer Energieform, die als ATP abgekürzt wird. Stell sie dir als das Kleingeld der Zelle vor: Reparatur, Transport und Aufbau gehen davon ab.
Die Idee hinter Mikrostrom ist, dieses Kleingeld nachzulegen. Die Hersteller nennen dafür eine bessere Durchblutung, einen schnelleren Abfluss von Gewebeflüssigkeit und ein gedämpftes Entzündungsgeschehen. Angesetzt wird am Stoffwechsel, nicht am Schmerzsignal.
Und das ist die Erklärung, nicht der Beweis. Was sich an Zellen im Labor messen lässt, ist noch kein Ergebnis an deinem Knie.
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Die Therapie kommt nicht aus der Kosmetik
Mikrostrom wurde nicht für Gesichter erfunden. Er kommt aus der Schmerz- und Wundbehandlung, und in Deutschland ist er vor allem über die Sportmedizin bekannt geworden. Das Gesicht kam später dazu.
Entsprechend klingen die Beschwerdebilder, für die Praxen ihn heute einsetzen: chronische Rückenschmerzen, Arthrose in Knie oder Schulter, gereizte Sehnen, Narben, schlecht heilende Wunden, Schwellungen nach einer Operation. Beim Rücken konkurriert er dabei mit einer viel älteren Idee, nämlich der Wärme aus einer Rotlichtlampe.
Für Rücken und Gelenke zu Hause greifen die meisten ohnehin eher zu einem Infrarotpanel als zu einem Stromgerät, weil Fläche und Handhabung dort einfacher sind.
So läuft eine Sitzung in der Praxis ab
Zwei Elektroden werden links und rechts der schmerzenden Stelle aufgeklebt, nicht direkt darauf, damit der Strom durch das Gewebe dazwischen fließt. Beim Knie also ober- und unterhalb der Kniescheibe.
Eine Sitzung dauert meist 30 bis 60 Minuten. Empfohlen werden mehrere Anwendungen pro Woche über vier bis acht Wochen, bevor sich beurteilen lässt, ob sich etwas tut.
Diese Zeitangaben stammen aus Herstellerprotokollen, nicht aus einer einheitlichen Leitlinie. Wer bei Heimgeräten schon einmal nachgesehen hat, woher die empfohlene Anwendungsdauer stammt, kennt das Muster.
Praxisbehandlung oder Gerät für zu Hause?
Diese Frage beantwortet kaum eine Seite, und das hat einen banalen Grund: Die meisten verkaufen entweder Sitzungen oder Geräte.
Der Unterschied liegt nicht im Strom, sondern in Dosis, Fläche und Begleitung. In der Praxis wird ein Areal gezielt zwischen zwei Elektroden gesetzt, jemand beurteilt den Verlauf, und jeder Termin kostet. Im kosmetischen Bereich sind 70 Euro für 45 Minuten ein üblicher Preis, eine Kur mit sechs Terminen liegt schnell bei 400 Euro.
Ein Heimgerät ist schwächer dosiert und ungenauer, dafür kannst du es dreimal die Woche benutzen. Bei einer Methode, die in Wochen rechnet, ist das kein kleiner Vorteil. Wie das im Gesicht praktisch aussieht, steht ausführlich im Guide zu Mikrostrom im Gesicht.
Und Strom ist nicht die einzige Baustelle im Gesicht. Was rotes Licht auf der Haut anstellt, stellt kein Strom an, und umgekehrt.
Wo die Grenzen liegen
Die ehrliche Antwort auf die Frage nach der Wirksamkeit lautet: Es kommt darauf an, wofür. Die Datenlage ist dünner, als die Werbung vermuten lässt, und fast jede deutschsprachige Seite zu diesem Thema gehört einem Gerätehersteller oder einer Praxis. Das prägt, was dort steht.
Wer schnelle Ergebnisse erwartet, wird enttäuscht. Wer eine ungeklärte Beschwerde damit überdecken will, verschiebt nur die Abklärung.
Verzichten solltest du bei einem Herzschrittmacher oder anderen Implantaten, bei Epilepsie, in der Schwangerschaft, bei einer Thrombose, bei einer aktiven Tumorerkrankung und auf entzündeter oder verletzter Haut.
Und die Kosten trägst du in aller Regel selbst. Mikrostromtherapie läuft in den meisten Praxen als Selbstzahlerleistung, auch dort, wo klassische Elektrotherapie auf Rezept möglich wäre.
Wenn dich die widersprüchlichen Angaben bisher ratlos gemacht haben, lag das nicht an dir. Es liegt daran, dass unter einem einzigen Wort zwei Behandlungen laufen, die kaum jemand sauber voneinander trennt.
Uns ist lieber, du verstehst, welche Zahl hinter einem Gerät steckt, als dass du dem Namen auf der Verpackung glaubst.
Sieh im Datenblatt deines Geräts nach, wie viel Mikroampere es liefert. Steht die Zahl nirgends, ist auch das eine Antwort.
